Es ist Wahlkampf meine Kerle und wir alle wissen, was das heißt: Es wird wieder mit Dreck geschmissen. Also noch ein bisschen offensiver als sowieso schon.
So wird dem Schlaftablettenkanzler mit dem Gesicht eines missmutigen Neugeborenen jetzt vorgeworfen, den Kultursenator gewordenen Vollzeitlobbyisten Joe Chialo mit dem Begriff „Hofnarr“ rassistisch beleidigt zu haben und das wiederum finde ich dann doch ein bisschen beleidigend.
Die Situation war wohl ungefähr folgende: Olaf sprach über den Rassismus in der CDU, Joe erwiderte mit #notallCDU und Olafs Versuch eines Totschlagarguments war, den Bonner mit tansanischen Eltern aus der CDU als deren Hofnarr zu bezeichnen.
Was Scholz wohl sagen wollte war, dass Joe das Token der Merzpartei sei, der Quoten-Schwarze, ein Vortänzer, die rassifizierte Alibipersonalie, aber was er sagte war „Hofnarr“ und das ist nicht nur grenzrassistisch und eristisch platt, es ist auch noch etymologischer Quatsch.
Die Hofnarren (und -närrinnen übrigens) waren zuerst körperlich und/oder geistig beeinträchtigte Menschen, die zur Belustigung der barmherzigen katholischen Könige an die diversen Höfe Europas geholt wurden, um dort den Hofstaat zu amüsieren und ihm seine eigene Vollkommenheit im Vergleich zu ihrem bedauerlichen Dasein zu demonstrieren. Da damals noch nicht so wirklich qualitativ zwischen Bewegungs- und Intelligenzeinschränkungen unterschieden wurde, wurden einfach alle Narren gleichermaßen nicht ernstgenommen und so erkannten diese schnell, welche wunderbaren Freiheiten mit dieser Sonderstellung einhergingen. Die Narrenfreiheit war geboren. Es dauerte nicht lange, bis auch nicht-beeinträchtigte Menschen (zu neudeutsch: able-bodied) diese Kultur und ihre Vorteile (freie Kost und Logis, Leute verarschen ohne ernst genommen zu werden) erkannten und sich aneigneten. Zackfeddich, Hofnarren.
Joe Chialo ist nicht behindert, nur weil er schwarz ist und ist bisher auch nicht dadurch aufgefallen, besonders witzig zu sein. Auch ist der Diplomatensohn beileibe nicht auf die Barmherzigkeit der Union angewiesen um Essen auf dem Tisch und ein Dach überm Kopf zu haben, ganz davon abgesehen, dass bei der CDU nicht mehr viel von der christlichen Barmherzigkeit übrig ist.
Hofnarren hatten formell keinerlei Macht. Wenn sie mal Einfluss ausübten, dann indem sie das Denken des Adels durch spitzfindige Kommentare in eine Richtung lenkten, in der dann eine Erkenntnis lag, die der jeweilige Monarch daraufhin glaubte durch seine eigene kognitive Leistung erlangt zu haben.
Bei Joe Chialo ist genau das Gegenteil der Fall. Der Berliner Kultursenator hat formell Macht, die er aber stillschweigend nicht zugunsten seines Ressorts nutzt. Die Berliner Kultur wird brutal zusammengespart, Kunst und Kultur werden der Rüstung und der Wirtschaft geopfert und der Senator, der eigentlich Schutzherr für die Künste in der Hauptstadt sein sollte, duckt sich vor seiner Verantwortung unter den Sparmaßnahmen der Oberen hinweg.
Die Vision von Chialo für die Zukunft der Berliner Kultur sind private Investoren, die er immer wieder lobend hervorhebt, auch wenn deren finanzielle Partizipation in den meisten Fällen nicht hilft, Kultur zu ermöglichen sondern höchstens einzelne Veranstaltungen zu finalisieren. Das ist bestenfalls naiv, wahrscheinlich aber eher gleichgültig, im schlimmsten Falle eine böswillige und gezielte Demontage der freien Kunst durch wirtschaftliche Interessensvertreter.
Die Hofnarren mussten stets so klug wie möglich auf der dünnen Grenze zwischen frecher Obrigkeitskritik und selbsterhaltender Implizität balancieren. Stets in der Vorsicht, in der Ausübung ihrer Kunst nicht wortwörtlich ihren Kopf zu riskieren, weil sie den politischen Entscheidungsträgern zu weit gingen oder noch schlimmer, egal wurden.
Der Hofnarr konnte nur existieren, weil die Regierenden ein Interesse daran hatten, Kunst und Kultur am eigenen Hof zu haben, weil die Mächtigen sie subventioniert hatten, weil die Politiker ihrer Zeit den Wert einer Investition ohne finanziellen Return erkannten. Genau dieses System höhlt der katholische Musikmanager jetzt aktiv in Berlin aus. Joe Chialo ist ein waschechter Senator, der genauso CDU-Dinge tut, wie alle anderen CDU-Menschen auch.
Joe Chialo als Hofnarren zu bezeichnen ist eine Beleidigung. Für Hofnarren.
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